Hinter der Hecke

Schrebergartenalarm – Schnecken, Bierbrunnen & Jacky

 

Klischeeangriff. Hainbuche reiht sich an Hainbuche. Schräg gegenüber wird auf Liguster gesetzt. Der Kies knirscht. Vor lauter Blätter ist nichts zu sehen. So muss sich der Prinz aus Dornröschen gefühlt haben. Größer müsste man sein. So an die zwei Meter fünfzig. Immerhin die Beschreibung stimmt. Ein Torbogen in der Hecke, der Weg in das Reich von Elisabeth und Gunter – ihres Zeichens stolze Schrebergartenbesitzer.

 

Hinter der Hecke, ein wahres Paradies. Weinlaube, Gartenteich, Gemüsebeete, Blumen. Das einzige was fehlt, Gartenzwerge. Zumindest ist keiner in Sichtweite und damit stürzt das erste Klischee schon in sich zusammen. Auch der alte Herr ist nicht da, leider. Ich hätte ihn zu gerne kennengelernt. Immerhin ist er der einzige, der hier in der Kufsteiner Schrebergartensiedlung beim Kaiserlift wohnt. Sein Wohnrecht hat er sich hart erkämpft. Dass er heute nicht da ist, liegt vermutlich an Fanny. Die ist nicht gerade ein Freund von ihm. Dafür wird er von vielen anderen geliebt, was er unverschämt ausnützt und sich meist selbst zum Essen einlädt, wenn irgendwo gegrillt wird.

 

Vom alten Herrn abgesehen, herrscht Hochbetrieb. Ringsum wird geklopft. Gesprächsfetzen durchdringen die Hecke. Eine leichte Brise sorgt für angenehme Kühlung und treibt das Windrad rhythmisch an. Eigentlich eine Windmühle im Miniformat. Wir sitzen am gemütlichen Holztisch. Wir, das sind ein paar Schrebergartler, die mich in ihre Welt von A wie Astern bis Z wie Zwiebel eintauchen lassen. Zwei gemütliche Holzbänke. Über unseren Köpfen wächst eine Weinrebe. Gesprächsthema Schnecken.

 

 

Kaffeesatzkreise

Die Erzfeinde aller Schrebergartler. Elisabeth verzieht das Gesicht. Ein Wochenende waren sie und ihr Mann nicht da, schon hat sich die Meute über den Steingarten hergemacht. Der Ärger ist Gunter anzusehen und doch will er vom obligaten Schneckenkorn nicht viel wissen. „Wir haben es hier nicht so mit Gift, wir wollen unsere Pflanzen ja essen.“ Elisabeth hat ein neues Kampfmittel. Momentan noch in der Testphase, aber wenn es funktioniert, wird das ein Genuss für alle Gartenfreunde. Den Winter über hat sich Elisabeth mit Munition versorgt und jetzt wurden im Garten Schützengräben angelegt. Wobei eigentlich wurde weniger gegraben als vielmehr aufgeschüttet. Kaffeesatz. Er soll die Schnecken abhalten. Kaffee trinken und die Schnecken fernhalten, ein vielversprechender Genuss, wenn es funktioniert. Rund um die Tomaten ziehen sich jedenfalls schon erfolgreich Kaffeesatzkreise auf der schwarzen Erde.


Bierbrunnen

Schwarze Erde. Das Stichwort für Gunter. Mit einem: „Das musst du dir genauer anschauen“, springt er auf und offenbart die Geheimnisse seiner perfekten Erde. Eine eigene Wissenschaft, deren Ergebnis sich sehen lassen kann. Die Erläuterung wird untermalt vom Vogelgezwitscher. Daneben plätschert der Springbrunnen im Gartenteich. Solarbetrieben versteht sich. Strom? Fehlanzeige. Deshalb zeigt sich Gunter erfinderisch, wenn es um sein kühles Bier geht. Sichtlich stolz geht er zu dem Brunnen gleich neben der Holzbank. Ein Brunnen, der dem Froschkönig alle Ehre machen würde. Beherzt dreht er an der Kurbel, doch anstelle der goldenen Kugel kommt ein Behälter gefüllt mit Getränken nach oben. Ein Testgriff zeigt, alles kühl. Gerade als Gunter die Flaschen wieder in die kühle Dunkelheit gleiten lässt, kommt mit einem „Grüß Gott“ Elfriede um die Ecke. Schrebergartlerin von „gleich gegenüber“. Vor zwölf Jahren hat sich Elfriede verliebt. Sie war im Schrebergarten einer Freundin zu Besuch. „Ich bin dort gesessen und hab mir gedacht, das ist das Paradies, da muss ich her. Koste es was es wolle.“


Datteltomaten legen alles lahm

Jeden Tag sind Elfriede und ihr Mann inzwischen hier. „Es ist wie im Himmel, vor allem jetzt, da wir auch noch den Kaiserlift nebenan haben.“ Zeit für Gunter und Elisabeth wieder in das Gespräch einzugreifen. Auch sie haben natürlich eine Jahreskarte für den Kaiserlift. Wie viele andere Gartler; das gehört seit heuer dazu wie der Grillduft, der normalerweise über die Hecken weht. Nicht über die Hecke aber durch den Torbogenweht plötzlich Gerda. Die Nachbarin von links hinten. Sie musste noch schnell Tomaten setzen. „Datteltomaten. Die habe ich gerade gekauft.“ Datteltomaten! Scheinen eine Sensation zu sein, denn Kaiserlift und Interview sind augenblicklich ad acta gelegt. „Ach du hast Datteltomaten bekommen?!“ „Wo hast du DIE denn her.“ „Vom Mayrhofer, heute ganz frisch besorgt.“ „Ach vom Mayrhofer, da muss ich heute eh auch noch hin, da nehm ich mir gleich welche mit.“ „Kannst du uns auch eine mitbringen.“ „Ja sicher.“ „Oder besser gleich zwei.“ „Aber Gunter, die setzen wir nicht dort unten hin, das hat letztes Jahr schon nicht funktioniert.“ „Das konnte ja auch nicht funktionieren, Tomaten und Gurken vertragen sich einfach nicht.“ „Ach bei mir drüben hat das schon gepasst, wisst ihr noch wie viele Tomaten ich letztes Jahr hatte.“ „Zwiebel, Zwiebel sind optimal neben Tomaten, die vertragen sich. Aber den Schnittlauch darfst du nicht zur Petersilie setzten, das geht gar nicht.“ Oh schau an, neben Jacky und Fanny scheint es noch mehr Dinge hier heroben zu geben, die sich nicht miteinander vertragen.


"Ich bin dort gesessen und habe mir gedacht, das ist das Paradies." Elfriede, Schrebergartlerin



Ein Duft liegt in der Luft

Fanny gehört übrigens zu Gerda, die es sich inzwischen auch auf der Bank gemütlich gemacht hat. Gerda, die mit den Datteltomaten, ebenfalls ein Schrebergartenurgestein. Und bei ihr gibt es ihn endlich, den obligaten Grillduft. Zwar nicht heute, aber „wenn das Wetter passt, grillen wir fast jeden Tag. Und zwischendurch gibt es Salat.“ Oder Zillertaler Krapfen. So wie gestern. Elfriede und Gerda haben wieder ihre Zillertaler Krapfen gemacht. Gemeinsam wird vom Teig angefangen alles frisch zubereitet und dann im Fett herausgebacken. „Das ist schon praktisch, dann riecht es zu Hause nicht danach.“ Dafür werden sämtliche Schrebergartennachbarn mit dem köstlichen Duft gequält. Elisabeth lacht dazu nur. „Wenn einem die Nachbarn einladen, dann passt das schon, ansonsten ist das reinste Folter.“ Deshalb wird immer wieder munter querdurch eingeladen. Nachbarschaft wird großgeschrieben. Auch Nachbarschaftshilfe. Damals etwa, als Gerda in ihrem Gewächshaus festsaß.Raufklettern zum Gurkenanbinden war einfach. Runter ging nichts mehr und das bei stolzen 60 °C im Gewächshaus. Aber ein Anruf bei Elfriede genügt und sie eilt als Kletterhilfe herbei.


Alles für die Katz

Momentan ist Hochsaison. Ab November wird es ruhiger. Dann sind nur noch vereinzelt Gartler hier und Jacky hat das Paradies für sich allein. Er hat sich bei Gerda einquartiert. Anfangs war er nur zu Besuch hier. „Vor allem im Sommer hat er es sich gemütlich gemacht, wenn überall gegrillt wurde,“ schmunzelt Elfriede. Dann blieb er oft auch über Nacht. Und aus Jacky wurde die Schrebergartenkatze, eigentlich ja der Schrebergartenkater. Alles war perfekt bis die Besitzer von Jacky an das andere Ende von Kufstein übersiedelten. Nach sechs Wochen taucht er abgemagert bei den Schrebergärten auf. Und er durfte bleiben. Das war vor vier Jahren. Seither gibt es im Winter warme Essenslieferungen, eine Glocke, die zu Tisch ruft und den einen oder anderen Goldfisch, der außerhalb des Teichs von Gunter gefunden wird.


Klischee ade

Vom Gartentor ist ein energisches „wuff“ zu hören. Das „wuff“ gehört zu Fanny und Fanny wird von Hannes getragen, dem Mann von Elfriede. Noch ist der Tisch groß genug. Es wird gekurbelt. Bierbrunnen im Einsatz.

Nach zwei Stunden ist immer noch nichts vom Grillduft in der Schrebergartensiedlung zu riechen. Gartenzwerge wurden ebenfalls nicht gesichtet. Dafür weiß ich jetzt, dass sich Tomaten mit Gurken genauso wenig vertragen wie Schnittlauch und Petersilie und auf die Schnecken im Garten trinke ich nun erst einmal einen Kaffee. 



 

 

 

Texte werden erst lebendig, wenn sie gelesen werden.

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