Der geheime Kufsteiner Olympiasieger

 

 

 

Josef Feistmantl, der Optiker der einst Gold nach Österreich brachte

 

Josef Feistmantl ist gerade einmal 24 Jahre alt, als er 1964 in Innsbruck Olympiasieger im Doppelsitzer-Rodeln wird. Es war ein Rennen unter äußerst kuriosen Bedingungen. Doch nicht nur diese Fahrt, sondern auch der eigentliche Höhepunkt seiner Sportlerkarriere verlief alles andere als geplant. Ein Blick in eine gefährliche Vergangenheit.

 

 

Die Kaffeekanne

 

Der alte Bauernkasten spiegelt sich in der silbernen Kaffeekanne. Samt dem restlichen Service steht die Kanne mitten auf dem großen Tisch gegenüber der Eingangstüre. Schön anzusehen für den unwissenden Besucher, für Josef Feistmantl ein bittersüßer Blick in seine gefährliche Vergangenheit.  

 

Zwei Kufen und vier Brüder

Josef Feistmantl sitzt entspannt im Wohnzimmer. Vor ihm ein Blatt Papier, dicht beschrieben. Jede Zeile ein Erfolg. Seine sportliche Vergangenheit aufgelistet in Form seiner Titel und Platzierungen. Mit einem leicht verlegenen Lachen fängt er an zu erzählen. Wild waren sie, er und seine drei Brüder. Und sobald der erste Schnee fiel, war keiner von ihnen zu halten. Jeden Tag ging es zu der Straße, die direkt an ihrem Haus in Absam vorbeiführte. Die Straße zog sich aus dem Halltal heraus und war kaum von Autos befahren. Dafür nahmen sie die Jungs der Familie Feistmantl mit ihren Rodeln in beschlag. Was damals niemand ahnte, waren die Folgen, die diese Rodelnachmittage mit sich bringen sollten.

 

Tod fuhr mit“

Josef Feistmantl beginnt in seinem Album zu blättern. Gedankenverloren liest er die Überschriften der Zeitungsausschnitte. „Todessturz bei Rodel-WM“ „Tod fuhr mit“ „Tödlicher Unfall“. Ja, es war ein gefährliches Abenteuer, auf das er sich mit gerade einmal 14 Jahren einließ. Nur so zum Spaß geht er mit seinen Brüdern zum Rodelverein, doch er hat Talent und fährt schon bald von Erfolg zu Erfolg. „Wäre ich nicht sofort erfolgreich gewesen, hätte ich sicher nicht weiter gemacht, denn das Rodeln war immer nur ein Hobby von mir. Verdient habe ich damit nichts.“ Nicht einmal damals als er 1964 in Innsbruck Olympiasieger im Doppelsitzer Rodeln wird. Die glänzende Kaffeekanne ist der leicht sarkastische Beweis.

 

Gold in der Einsamkeit

Es ist ruhig. Nur dieses ganz eigene Geräusch, das die Kufen der Rennrodeln erzeugen, durchbricht die Stille den frühen Morgen. Sieben Uhr früh. Und während Innsbruck langsam erwacht, rast bei den Rodlern das Adrenalin durch den Körper und sie selbst die Olympiaabfahrt hinunter. „Es war vom Gefühl her wohl das ungewöhnlichste Rennen meiner Karriere.“ Eine Olympiade ohne Zuseher. Schuld an allem war der fehlende Schnee. 1964 zeigte sich der Winter von seiner milden Seite, vor allem für die Rodler eine Tragödie. Während bei den Einzelbewerben die Bahn noch befahrbar ist, schmilzt das Eis der Bahn bei dem geplanten Doppelsitzerrennen. Die Stimmung ist angespannt, keiner der Rodler glaubt mehr daran, dass das Rennen noch stattfindet. Bis sie geweckt werden. Es ist drei Uhr früh. Die Verantwortlichen haben sich für eine ungewöhnliche Lösung entschieden, um der Wärme des Tages zu entkommen. „Wenn du um drei Uhr früh geweckt wirst mit den Worten, ´das Rennen findest statt und zwar jetzt´. Bist du sofort von Null auf Hundert. Uns war alles egal, wir wollten nur fahren.“ Noch im Dunkeln findet ein Trainingslauf statt. Nur die Presse, die Trainer und ein paar Angehörige sind informiert. Um acht Uhr sind die zwei Renndurchläufe bereits vorbei und Manfred Stengl und Josef Feistmantl sind Olympiasieger im Doppelsitzer. Ohne den Jubel der Menge, ohne Zuseher. Vielleicht ist das auch ein Grund, dass Josef Feistmantl wie er selbst sagt, es gar nicht richtig bemerkt, dass sie Gold errodelt haben. „Erst als ich bei der Siegerehrung am Abend auf dem Podest stand hatte ich das Gefühl ´jetzt hast du etwas Besonderes gewonnen.´“ Josef Feistmantl wird auf alle möglichen Festlichkeiten eingeladen. „Mehr war da nicht“, fügt er auch heute noch sichtlich enttäuscht hinzu. Der Sieg bei der Olympiade war sein größer sportlicher Erfolg, doch der Höhepunkt seiner sportlichen Karriere sollte erst nach dem Ende seiner aktiven Zeit kommen. Ein Höhepunkt umrahmt von weißen Mäusen.  

 

Tausche Grundstück gegen Kaffeekanne

In der Ecke des Wohnzimmers hängen in goldfarbenen Rahmen einige Bilder. In dem kleinsten der Rahmen ist eine Briefmarke zu sehen. „Mein Sohn hat die Marke in Frankreich entdeckt. Er hat in einem Markenalbum geblättert und dann auf einmal gesagt, das ist ja mein Papa.“ Eine Briefmarke von der Olympiade 1964. Auf blauem Hintergrund ist ein Rennrodler zu sehen. „Das war schon ein interessantes Gefühl, zu erfahren, dass ich auf einer Briefmarke bin.“ Eine wie er sagt seltene Ehre, denn „ansonsten sind wir Rodler immer übergangen worden.“ So wie damals, nach der Olympiade als eine Schallplatte mit Interviews der Sportler erschien. „Ganz groß stand darauf ein Interview mit den Olympiasiegern Manfred Stengl und Josef Feistmantl. Ich habe die Schallplatte rauf und runter gehört, aber kein Interview gefunden. Da war nichts. Vor lauter Zorn habe ich die Platte schließlich zertrümmert.“ Josef Feistmantl lacht, doch in seinem Blick liegt Wehmut, so wie beim Blick auf das silberne Service. „Es sollte eigentlich ein Grundstück sein“, kommt es ganz unvermittelt. „Nach der Olympiade hat der damalige Bürgermeister mir zur Ehrung für meinen Sieg ein Grundstück in meiner Heimatgemeinde versprochen. Geworden sind daraus die silberne Kaffee- und Teekanne samt Zuckerdose und Milchkännchen. Das war damals schon enttäuschend für mich.“ Und während er diesen Satz sagt, ist unverkennbar, dass es ihn auch heute noch berührt. „Haben Sie schon jemals etwas von einem Olympiasieger, der in Kufstein lebt gehört? Wir Rodler sind irgendwie untergegangen. Und leben konntest du damals vom Rodeln auch nicht. Das Geld für das Rodeln habe ich im Sommer beim Fußballspielen verdient. Ich war Spieler beim SV Hall und FC Wattens.“ Dass er durch das Rodeln nichts verdient, ist letztlich auch der Grund dafür, dass er mit der Olympiade in Sapporo 1972 seine Rennkarriere beendet. Der Wahlkufsteiner begleitet in den nächsten Jahren die Rodler als Berater und widmet er sich seiner beruflichen Karriere. Er eröffnet zwei Optikergeschäfte in Wien und Kufstein und dann kam dieser Anruf.

 

Tausche Grundstück gegen Kaffeekanne

In der Ecke des Wohnzimmers hängen in goldfarbenen Rahmen einige Bilder. In dem kleinsten der Rahmen ist eine Briefmarke zu sehen. „Mein Sohn hat die Marke in Frankreich entdeckt. Er hat in einem Markenalbum geblättert und dann auf einmal gesagt, das ist ja mein Papa.“ Eine Briefmarke von der Olympiade 1964. Auf blauem Hintergrund ist ein Rennrodler zu sehen. „Das war schon ein interessantes Gefühl, zu erfahren, dass ich auf einer Briefmarke bin.“ Eine wie er sagt seltene Ehre, denn „ansonsten sind wir Rodler immer übergangen worden.“ So wie damals, nach der Olympiade als eine Schallplatte mit Interviews der Sportler erschien. „Ganz groß stand darauf ein Interview mit den Olympiasiegern Manfred Stengl und Josef Feistmantl. Ich habe die Schallplatte rauf und runter gehört, aber kein Interview gefunden. Da war nichts. Vor lauter Zorn habe ich die Platte schließlich zertrümmert.“ Josef Feistmantl lacht, doch in seinem Blick liegt Wehmut, so wie beim Blick auf das silberne Service. „Es sollte eigentlich ein Grundstück sein“, kommt es ganz unvermittelt. „Nach der Olympiade hat der damalige Bürgermeister mir zur Ehrung für meinen Sieg ein Grundstück in meiner Heimatgemeinde versprochen. Geworden sind daraus die silberne Kaffee- und Teekanne samt Zuckerdose und Milchkännchen. Das war damals schon enttäuschend für mich.“ Und während er diesen Satz sagt, ist unverkennbar, dass es ihn auch heute noch berührt. „Haben Sie schon jemals etwas von einem Olympiasieger, der in Kufstein lebt gehört? Wir Rodler sind irgendwie untergegangen. Und leben konntest du damals vom Rodeln auch nicht. Das Geld für das Rodeln habe ich im Sommer beim Fußballspielen verdient. Ich war Spieler beim SV Hall und FC Wattens.“ Dass er durch das Rodeln nichts verdient, ist letztlich auch der Grund dafür, dass er mit der Olympiade in Sapporo 1972 seine Rennkarriere beendet. Der Wahlkufsteiner begleitet in den nächsten Jahren die Rodler als Berater und widmet er sich seiner beruflichen Karriere. Er eröffnet zwei Optikergeschäfte in Wien und Kufstein und dann kam dieser Anruf.

 

Weiße Mäuse und 175 Stufen

„Die Entzündung des Feuers wurde nie geprobt. Sie haben mir nur gesagt, ich werde mit dem Auto hingebracht und muss dann nur noch mit der Fackel die Stufen nach oben gehen und das Feuer entzünden.“ Aber die silberfarbene olympische Fackel, die er verwenden soll, will einfach nicht brennen. Josef Feistmantl nimmt darauf hin die Pechfackel mit der das Feuer 1964 entzündet wurde. Doch der Regie rennt die Zeit davon. Er bekommt die Anweisung zu rennen. 175 Stufen. „Ich bin viel zu schnell gestartet und so ist mir bald die Luft ausgegangen. Das einzige, was ich noch gedacht habe war, ich muss da rauf. Als ich oben war, habe ich weiße Mäuse gesehen. Viel mitbekommen habe ich von der ganzen Atmosphäre nicht.“ Josef Feistmantl lacht über das ganze Gesicht. Behutsam legt er die Fackel, die nicht brennen wollte, zurück in die Wiege. Langsam steigt er die Stufen vom Keller wieder nach oben. Die Sonne scheint durch die Fenster und bringt die Kaffeekanne auf dem Tisch noch mehr zum Glänzen.

 

Foto: VANMEY PHOTOGRAPHY

Text: Adriane Gamper

erschienen in: kufsteinerin - das Magazin 

 

 

 

 

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Moderatorin Adriane Gamper, Foto VANMEY PHOTOGRAPHIE
Foto: VANMEY PHOTOGRAPHIE

 

 

 

 

 


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